Oh, wie schön ist Panama!

Oh, wie schön ist Panama!

Mit einem wackeligen Bus geht es von Puerto Viejo weiter an die Grenze Richtung Panama. In dem Grenzort Sixaola angekommen, werden wir direkt von einer sehr freundlichen Dame in gelber Warnweste empfangen und an einen Schalter gelotst, an dem wir irgendeine Gebühr bezahlen sollen. Leider kann uns keiner erklären, für was wir eigentlich bezahlen sollen, weshalb das Ganze alles andere als offiziell wirkt. Wir (und auch alle Mitreisenden aus unserem Bus) sind erstmal etwas skeptisch. Als die Warnwesten-Lady merkt, dass wir zweifeln, wird sie plötzlich ganz schön unfreundlich. Letztendlich kommt raus, dass wir hier tatsächlich zahlen müssen – denn die eigentliche Grenzstation 100 Meter weiter hat weder eine Kasse, noch sind die Grenzbeamten dort mit einem Computernetzwerk verbunden. Das bedeutet, dass unsere Pässe erstmal mit dem privaten Smartphone der Grenzbeamten fotografiert und per WhatsApp an einen Kollegen mit Netzwerkzugang weitergeleitet werden. Bis der dann wiederum per WhatsApp bestätigt, dass wir im System registriert sind und grünes Licht für die Ausreise gibt, heißt es für uns warten und schwitzen in der kleinen Grenzstation, in der die warme feuchte Luft steht und uns über die DSGVO in Deutschland und die Vorgehensweise in Costa Rica zu amüsieren. Endlich klingelt ein blechernes „Hello Moto“ aus dem Handy des Beamten und gleichzeitig drückt er den Ausreisestempel in unsere Reisepässe. Zu Fuß geht es auf einer Brücke über den Rio Sixaola. Ein paar Minuten später stehen wir vor der nächsten Grenzbeamtin, die ein Ausreiseticket sehen will, unsere Fingerabdrücke scannt und uns mit einem fröhlichen Bienvenidos in Panama willkommen heißt.

„Panama ist das Land unserer Träume, denn ganz Panama riecht nach Bananen!“, sagen Tiger und Bär in Janosch’s „Oh, wie schön ist Panama!“. Davon können wir uns direkt bei den ersten Kilometern im Land selbst überzeugen. Wir fahren entlang an Bananenplantagen, die gefühlt kein Ende nehmen. Die Stauden selbst sind alle in blaue Plastiksäcken verpackt, um Ungeziefer, Vögel und Affen fernzuhalten, und immer wieder stehen riesige Container von Chiquita oder Dole mittendrin – der erste Eindruck ist etwas weniger paradiesisch, als in meiner Vorstellung, die in Sachen Panama seit meiner Kindheit von Janosch geprägt ist.

Unser erstes Ziel ist die Inselgruppe Bocas del Toro auf der Karibik-Seite. Während wir mit grellen Schwimmwesten in einem Boot sitzen und zwischen den kleinen Inseln und Mangrovenwäldern vorbeidüsen, die Hauptinsel Colon langsam in Sichtweite kommt, wird das mit dem „paradiesisch“ schon realistischer. Leider haben wir Manuels Cousine knapp verpasst, die seit einigen Jahren hier ihren Winter verbringt und als Tauchlehrerin arbeitet. Wir treffen ihren Freund abends noch zu einem Feierabendbier und holen uns einige gute Tipps für die kommenden Tage und Funfacts über Panama ab.

Bocas del Toro bedeutet für uns vor allem eins: Gemütlich in den Tag leben.
Das Hauptdorf der Isla Colon ist voll von bunten karibischen Häusern, Hotels, Restaurants, schicken Boutiquen, Souvenirshops und Supermärkten, die ausnahmslos von Asiaten geführt werden, weswegen sie auch Chinos genannt werden. Während eines Spaziergangs am Abend durch das Örtchen, werden wir von einem Tourenverkäufer angesprochen, der alles anzubieten hat, was das Touristenherz begehrt. Nachdem er das ganze Angebot runtergeleiert hat, fragt er nach meinem Namen und streckt mir die Hand entgegen. Ein Täuschungsmanöver: so schnell kann ich gar nicht schauen, da wirbelt er mich mit mehreren Pirouetten über die Straße um klarzumachen, dass er auch Salsa Kurse anbietet.

Am nächsten Morgen geht es mit dem Inselbus an die Nordseite, wo wir nach einem kleinen Spaziergang durch den Dschungel an einem der schönsten Strände der Insel rauskommen. Ein bunt bemaltes Holzschild hängt an einer Palme am Starfish-Beach „not all stars belong to the sky“. Ganz egal wo man an dem Strandabschnitt den Blick über das glasklare Wasser gleiten lässt, leuchtet einem an irgendeiner Stelle ein orangefarbener Seestern entgegen. Wir lassen uns nach einer kleinen Abkühlung glücklich in den weißen Sand fallen. Glücklich darüber, dass wir solche Momente auf unserer Reise immer noch nicht für selbstverständlich halten.

Mitten im Dschungel der Isla Colon entsteht ein immer größer werdendes Dorf der besonderen Art. Ein Kanadier hat sich hier vor einigen Jahren niedergelassen und sich an Unmengen Abfall und Plastik auf der Insel gestört. So hat er angefangen ein Haus aus Plastikflaschen zu bauen – mittlerweile stehen schon einige dieser Häuser im Plastikflaschendorf, die wie ganz normale Häuser bewohnt werden. Am Eingang des Dorfes direkt an der Straße steht ein Plastik-Schloss zu Anschauungszwecken aus 40.000 Flaschen. Stabil gebaut und gut isoliert durch die Luft in den Flaschen. Die Flaschen werden dafür in „Käfige“ gepackt. Ein Haus besteht aus vielen aneinander geschweißten Käfigen. Strom- und Wasserleitungen werden zwischen den Flaschen gelegt, bevor eine Betonschicht alles bedeckt. Ein Projekt, das einerseits begeistert und fasziniert und auf der anderen Seite auch mal wieder zum Nachdenken anregt. Müll, Plastik, Umweltverschmutzung – ein Thema was uns auf Reisen viel stärker beschäftigt, weil es in diesen Ländern einfach präsenter ist als zuhause.

Ein Zitat von Anne Marie Bonneau zu dem Thema gefällt uns ganz gut:
„Wir brauchen nicht eine handvoll Leute, die Zero-Waste perfekt betreiben. Wir brauchen Millionen von Menschen, die Less-Waste so gut sie können versuchen.“

Für drei Tage geht es weiter auf die Nachbarinsel Bastimentos, die „wilde Schwester“ von Colon – weniger Tourismus, mehr Natur. Als wir gerade am Pier auf das Taxiboot warten, kommt ein Mann auf uns zu, setzt sich einen dreieckigen Hut auf den Kopf und stellt sich als Käptn Jack Sparrow vor. Während er uns erst mal gefühlt seine ganze Lebensgeschichte erzählt, streckt er uns die Hand entgegen, reibt mit seinen Fingern über unsere Handinnenflächen und liest uns aus der Hand. Sein Fazit: Wir sind noch nicht verheiratet (Gut erkannt! Schließlich tragen wir keinen Ring am Finger…), doch das wird sich sicher in den nächsten Jahren ändern. Gefühlt sammeln sich alle seltsamen Gestalten der Bocas Inseln hier im Hauptdorf auf Colon.

Angekommen auf Isla Bastimentos geht es zu Fuß erst mal durch den Dschungel auf die Nordseite der Insel. Lucky us – der Regen setzt zum Glück erst ein, als wir gerade an unserer Unterkunft ankommen. Wir haben ein Zelt am Strand gebucht, und staunen nicht schlecht, als wir dort ankommen. Das ist dann wohl unser erstes Glamping-Erlebnis – Campen auf „Luxus-Niveau“. Unser Zelt ist besser ausgestattet, als so manches Zimmer, was wir bisher auf unserer Reise bezogen haben und wir fühlen uns auf Anhieb wohl.

Die Regenzeit steht kurz bevor, macht sich langsam aber sicher bemerkbar, weshalb wir jede sonnige Minute ausnutzen, um Strandspaziergänge zu machen und in die Wellen zu springen oder zu Schnorcheln. Am letzten Morgen auf der Insel entscheiden wir uns spontan dazu, beim Morning-Yoga teilzunehmen. Unsere allererste Yogastunde überhaupt – irgendwie hab ich Yoga immer als langweilig und lahm abgetan. Ein Bild, was sich nach dieser schweißtreibenden Stunde inklusive Muskelkater am nächsten Tag auf jeden Fall geändert hat.

Unsere Fahrt nach Bajo Boquete scheint nicht enden zu wollen.
Der Bus: in die Jahre gekommen, die Sitze so schmal, dass die Passagiere am Gang grundsätzlich mit einer Pobacke in diesem hängen – ausgenommen natürlich, man hat ein Kind neben sich sitzen.
Die Straße: kurvig und steil.
Meine Sitznachbarin: eine ältere Dame (mindestens meine Breite), die ihre Handtasche unbedingt noch neben sich auf der Fensterseite stehen haben muss (was bedeutet, dass auch meine zweite Pobacke schon teilweise im Gang hängt). Sie hat ein gelbes Handtuch über ihre Schulter geworfen, was sich als ihr Allrounder zum Schneuzen, Husten, Schweiß im Gesicht abwischen herausstellt. Ich bin eigentlich nicht zimperlich und meine Ekelgrenze hat einen relativ hohen Toleranzbereich. Doch wenn ich nicht sowieso schon halb im Gang sitzen würde, würde ich spätestens als das Handtuch zur Hälfte auf meinem Oberschenkel liegt gerne noch ein Stück abrutschen. In David müssen wir umsteigen (Endlich!). Manuel springt nur nochmal schnell zur Toilette, während ich schon im Bus sitze…und dann fährt dieser los! Ich springe auf, um dem Busfahrer zu erklären, dass Manuel noch fehlt, als er zum Glück schon in Sichtweite kommt und gerade noch rechtzeitig aufspringt. Was für eine Anreise!

Spätestens als wir in Boquete im Inland von Panama ankommen, merken wir: die Regenzeit ist jetzt endgültig angekommen! Die Wanderung zum Vulkan Baru, von dem man bei klarer Sicht Pazifik und Karibik gleichzeitig sehen kann, streichen wir direkt von unserer „Liste“ – die Wanderungen in den letzten Tagen wurden alle wegen schlechter Wetterbedingungen abgesagt. Stattdessen entscheiden wir uns für den Wasserfall-Trail am Rande von Boquete. Als wir uns in das Collectivo zum Start des Trails setzen: strahlender Sonnenschein. Als wir dort ankommen: Wolkenbruch und sintflutartiger Regen. Kurzerhand entscheiden wir uns um, setzen uns direkt wieder in das Collectivo Richtung Stadt – das macht heute keinen Sinn, wir sind nicht wirklich gut ausgestattet für so heftigen Regen. Der „Tuesday Market“ bietet eine gute Alternative – hier stellen hauptsächlich Expats aus, die sich in und um Boquete niedergelassen haben. So entsteht eine bunte Mischung aus Kunsthandwerk, netten Gesprächen und Leckereien aus aller Welt. Ingwer-Kokos-Kekse aus Jamaica, vegane Power-Kugeln aus Panama, Hähnchen-Rollbraten aus Ungarn und (unser Highlight) ein leckeres Bauernbrot aus Deutschland.

Am nächsten Tag geben wir der Wanderung eine zweite Chance, starten schon früher am Morgen, um dem Regen, der meistens um die Mittagszeit einsetzt, zu umgehen. Wir versuchen es mit dem Pipeline-Trail, ein toller Weg, der über weite Felder, zwischen hohen Bergen, entlang an einem kleinen aber wilden Gebirgsbach führt, über den immer wieder ganz besonders wackelige und kreative Brücken-Konstruktionen führen – der Weg macht Spaß. Als wir gerade eine tolle Hängebrücke überqueren, fängt es ganz plötzlich und ohne Vorwarnung an zu schütten. Immerhin sind wir besser vorbereitet als am Vortag, haben einen Regenschirm (diesen Namen verdient das Gestell eigentlich nicht – es ist die absolute Billigversion, die vermutlich nicht mal einen größeren Windstoß aushält) und eine Regenhülle für unseren Rucksack im Gepäck. Die ist so groß, dass sie gleichzeitig sowohl meinen Kopf als auch den Rucksack bedecken kann, welcher Anblick uns nur noch mehr Lacher bringt. Der Weg, den wir hochgekommen sind, hat sich mittlerweile in ein kleines Bächlein verwandelt – wir laufen teilweise knöcheltief im Wasser, sind pitschnass und durchgefroren, bis wir an die Straße kommen. Glücklicherweise kommt direkt fünf Minuten später ein Collectivo, was uns mitnimmt in die Stadt. Die letzten Monate haben wir uns noch nie so sehr auf eine warme Dusche gefreut.

Acht Busstunden trennen uns von Panama City, unserem letzten Stopp in Panama. Für uns eine Stadt voll von Gegensätze. Zwischen Wellblechhütten und modernen Wolkenkratzern. Zwischen traditionell gekleideten Kuna-Indianern und Business-Menschen in Anzügen. Zwischen eingefallenen Häuserfassaden, hübschen Streetart Kunstwerken und verglasten Towern. Zwischen kleinen Marktständen auf dem Gehweg und riesigen modernen Malls. Zwischen Armut und Reichtum. Eine Stadt die fasziniert – zwischen Pazifik und Atlantik.

Die Altstadt Casco Viejo ist ein gemütliches Viertel mit bonbonfarbenen Häusern, vielen kleinen Plätzen, Parks und charmanten Cafes, oftmals mit Ausblick auf die Skyline der Neustadt, die sich von dort wie eine andere Welt anfühlt. Für uns einer der schönsten Plätze hier. Direkt neben der Altstadt liegt der Fischmarkt, wo wuseliges Treiben herrscht. Das schreit nach unserem erste Ceviche, roher weißer Fisch, der in einer Art Limettensud eingelegt wird. Ja, wir wissen, wir sind jetzt schon über vier Monate unterwegs und Ceviche (in weiten Teilen Zentralamerikas verbreitet) wäre eigentlich schon viel früher ein Muss gewesen, doch wir sind einfach keine Fans von rohem Fisch. Umso erstaunter sind wir, dass uns das Ceviche richtig gut schmeckt – wir sollten öfter einfach mal ausprobieren 😉

Der Panama Kanal – ein Muss beim Besuch der Stadt. Er ist 82 Kilometer lang, verbindet den Pazifik mit dem Atlantik, erspart den Schiffen einen Seeweg von 15.000 Kilometern, ist eine der Haupteinnahmequellen des Landes und die Einwohner sind mächtig stolz darauf. Wir besuchen die Miraflores-Schleusen, wo sich die Zuschauer an dem Geländer der Terrasse drängeln, um den riesigen Containerschiffen beim Schleusen zuzusehen. Auch für uns extrem beeindruckend, wenn die riesigen Kolosse von kleinen Eisenbahnen durch die Schleusen gezogen werden. Im Besucherzentrum wird ein Film gezeigt und im Museum alle Details über den komplizierten Bau, der viele Todesopfer mit sich brachte erklärt. Ich habe immer noch nicht so ganz genau verstanden, wie das alles funktioniert – nur so viel: der Panamakanal ist ein technisches Wunderwerk!

Nach ein paar Tagen in der Hauptstadt geht es für uns schon weiter in unser siebtes Reiseland und damit auch auf den nächsten Kontinent. Als wir am Flughafen ankommen und unseren QR-Code am Handy vorzeigen, schaut uns die Tante der Airline mit großen Augen an und erklärt, dass sie keine Online Boarding Pässe akzeptieren – sie kann uns nur anbieten, die Tickets für 20 USD auszudrucken…Uff! Das Geld können und wollen wir uns sparen, weshalb ich einen spontanen Sprint zum nächsten Supermarkt hinlege, in der Hoffnung, dass sie dort einen Drucker-Service haben. Das läuft wie am Schnürchen – 20 Minuten später stehe ich nassgeschwitzt mit zwei Blättern in der Hand wieder am Flughafen und wir sind ready for boarding. Kolumbien, Südamerika, wir kommen!

Und was ist mit Janosch? Wie schön ist Panama denn nun wirklich? Am besten ist es, wenn man ohne große Erwartungen in ein Land kommt. Schon in den Wochen zuvor haben wir immer wieder Reisende getroffen, die uns erzählt haben, dass Panama nicht wert sei, einen längeren Stopp einzulegen – und doch wollten wir uns selbst ein Bild machen. Wir finden, es lohnt definitiv hier her zu reisen. Auch wenn Panama im Vergleich zu den Ländern zuvor vielleicht nicht ganz so spektakulär wirkt, ist es ein tolles Reiseziel. Wir versuchen, jedes Land für sich als einzelnes zu bewerten, ohne zu sehr mit den Nachbarländern zu vergleichen. Das Fazit, das man nach einem Besuch in einem Land zieht, hängt so sehr von den Begegnungen, Momenten und Erlebnissen ab. Auch wenn es in Panama gefühlt etwas schwieriger ist, den Menschen ein Lächeln zu entlocken, so haben wir uns trotzdem willkommen gefühlt und hatten einige sehr herzliche Begegnungen.

…und wenn ich so an die Geschichte von Tiger und Bär denke, denke ich auch an daheim und habe ein wohlig warmes Gefühl dabei ❤️

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Wie recht du hast, dass man das Fazit, das man nach einem Besuch in einem Land zieht, so sehr von Begegnungen, Momenten und Erlebnissen abhängt.

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